Leseprobe

Was ist eigentlich Zufall?

Kapitel 1

Die Sache mit dem Zufall

Manchmal beginnt eine Geschichte nicht mit einem Ereignis, sondern mit einer beiläufigen Frage.

An einem Abend im April telefonierte ich mit Anna, meiner ehemaligen Praktikantin. Wir hatten auch nach Jahren noch Kontakt, wenn auch nur sporadisch. Ich saß in Südfrankreich, sie war in Dortmund. Irgendwann fragte ich sie, was es eigentlich Neues gebe in meiner alten Heimatstadt.

Sie erzählte mir von Baumaßnahmen, von alten Einzelhandelsgeschäften, die geschlossen hatten, und von neuen, die eingezogen waren. Nach Jahren hatte sie sich ihren Wunsch erfüllt und wenige Wochen zuvor endlich einen Tandemsprung mit dem Fallschirm gemacht. Außerdem hatte sie sich kurz nach unserem letzten Telefonat doch entschieden, in den elterlichen Betrieb einzusteigen, ein kleines Familienunternehmen im Dortmunder Süden, in dem sie inzwischen Organisation und Kundenkontakte übernahm.

Ich erzählte von meinem letzten Buchprojekt und davon, dass ich inzwischen immer mehr Zeit in Südfrankreich verbrachte. Von hier aus wollte ich am nächsten Tag aufbrechen. Einmal wieder nach Dortmund. Einmal wieder Fußball. Einmal wieder die alte Heimat.

Wir unterhielten uns fast zwei volle Stunden über Gott und die Welt und hielten fest, wieder häufiger miteinander zu telefonieren.

Vor der Fahrt ins Ruhrgebiet hatte ich mich entschieden, in der französischen Stadt Besançon zu übernachten. Nicht zufällig, jedenfalls nicht ganz. Genau das Hotel, in dem ich ein Zimmer reserviert hatte, sollte in dem Thriller eine wichtige Rolle spielen, an dem ich gerade schrieb. Das Manuskript war bereits fertig, aber ich feilte noch an Einzelheiten. Und manchmal hilft es, einen Ort nicht nur zu erfinden, sondern ihn noch einmal selbst zu betreten.

Als ich am Freitagnachmittag im Hotel in Dortmund angekommen war, traf ich mich gegen Abend mit einigen alten Dortmunder Freunden zum Essen und ging danach früh schlafen.

Am darauffolgenden Samstag fuhr ich vor dem Spiel in die Innenstadt, um ein wenig zu bummeln. Die Fußgängerzone war voll und bunt. Überall tauchten Fans auf und verwandelten die Menschenmenge in ein schwarz-gelbes Gewirr.

Ich wühlte mich an den Schaufenstern entlang in Richtung eines kleinen Bistros, als ich plötzlich stehen blieb.

Vor mir stand Anna.

In beiden Händen hielt sie Einkaufstaschen. Sie zog überrascht die Augenbrauen hoch, ihr Mund öffnete sich, als wolle sie etwas sagen, brachte aber im ersten Moment keinen Ton heraus. Vermutlich sah ich nicht anders aus.

Für einen kurzen Augenblick standen wir einfach nur da und starrten uns an. Als müssten wir beide erst begreifen, dass wir uns tatsächlich begegneten. Mitten in dieser Menschenmenge. Nach vier oder fünf Jahren, in denen wir uns nicht gesehen hatten. Und nur zwei Abende, nachdem wir miteinander telefoniert hatten.

Fast im selben Moment sagten wir beide: „Was für ein Zufall. Das gibt’s doch gar nicht.“

Auch Anna hatte noch etwas Zeit, also gingen wir gemeinsam in das Bistro. Wir hatten Glück. Gerade war ein Pärchen aufgestanden, und so ergatterten wir noch einen freien Tisch.

Wir bestellten etwas zu trinken, machten ein wenig Small Talk und lachten immer wieder über die Absurdität der Situation.

„Was für ein unglaublicher Zufall“, sagte Anna schließlich noch einmal.

Ich nickte nur.

Aber war das wirklich Zufall? Und was bedeutete dieses Wort eigentlich?

Ich fragte mich, ob es sich genauso angefühlt hätte, wenn ich nicht Anna getroffen hätte, sondern Thorsten oder einen der anderen Freunde, mit denen ich am Vorabend im Restaurant gewesen war. Nein, entschied ich. Nicht ganz. Thorsten hatte gewusst, dass ich vor dem Spiel noch in die Innenstadt gehen wollte. Vielleicht wäre er nach unserem Abendessen dadurch selbst auf die Idee gekommen, am nächsten Tag ebenfalls dorthin zu fahren. Und Moment. Olli ging auch zum Spiel und er sagte sogar, dass er vorher ebenfalls noch in die Stadt wolle. Wird es dann nicht ein noch größerer Zufall, dass ich Anna getroffen hatte und nicht etwa Olli? Der Grund, warum ich mich mit Olli nicht verabredet hatte, war die völlig überfüllte Stadt, Treffpunkte wurden geradezu belagert.

Eine Verabredung in dieser Menschenmenge wäre trotzdem absurd gewesen. Und dennoch wäre auch eine Begegnung mit Thorsten oder Olli ein Zufall gewesen. Jedenfalls etwas, das keiner von uns hätte sicher voraussehen können. Oder etwa doch?

Bei Anna lag die Sache anders. Mit ihr hatte ich zwei Abende zuvor noch von Südfrankreich aus telefoniert, aber sie wusste nicht, dass ich vor dem Spiel in die Dortmunder Innenstadt gehen wollte. Und dann stand sie plötzlich vor mir.

War es außerdem Zufall, dass wir das Bistro genau in dem Moment betraten, in dem ein Paar seinen Tisch verließ? Oder hatten diese beiden längst eine Verabredung und mussten deshalb gerade jetzt aufstehen? Wollten sie noch in ein bestimmtes Geschäft? Hatten sie nur zufällig genug getrunken, genug geredet, genug Zeit gehabt?

Und was wäre gewesen, wenn ich Anna nur wenige Minuten später getroffen hätte? Wäre dann vielleicht an einem anderen Tisch ein anderes Paar aufgestanden? Hätten wir uns genauso hingesetzt, genauso geredet und genauso darüber gelacht?

Je länger ich darüber nachdachte, desto unschärfer wurde das Wort Zufall.

Wir redeten fast eine halbe Stunde über diesen Zufall und andere Zufälle, und Anna bekam zunehmend Spaß an dem Thema.

„Sag mal“, sagte sie irgendwann, „hast du nicht Lust, darüber etwas zu schreiben?“

Ich erklärte ihr, dass ich noch nicht einmal mit meinem aktuellen Manuskript fertig sei und deshalb unmöglich etwas völlig anderes beginnen könne. Aber je länger ich darüber nachdachte, desto besser fühlte sich Annas Idee an.

Mein Thriller hing zu diesem Zeitpunkt fest. Nicht grundsätzlich, aber an einer Stelle, die mich mehr blockierte, als ich zugeben wollte: Ich konnte mich nicht für den Namen meines Protagonisten entscheiden.

Fragen Sie mich jetzt bitte nicht nach dem Spiel. Ich habe es ziemlich schnell vergessen.

© Elias C. Belling Urheberrecht. Alle Rechte vorbehalten. 

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