Über Elias

Zwischen Aufbruch und Ankommen

Elias C. Belling stammt aus dem Ruhrgebiet. Nach seinem Studium arbeitete er zunächst in einer Unternehmensberatung und gründete schon früh sein erstes eigenes Unternehmen.

Viele Jahre bestimmte das Unternehmertum sein Leben. 2024 gab er sein Unternehmen ab und vollzog einen ziemlich bewussten Schnitt: weniger Tempo, weniger Status, mehr Zeit. Oder, wie er selbst es beschreibt: vom Porsche zum Polo – und vom Funktionieren zum Leben.

Im Süden Frankreichs fand er schließlich eine neue Heimat – und die Ruhe, sich dem zu widmen, was ihn schon lange beschäftigte: schreiben, beobachten, nachfragen und Gedanken verfolgen, für die im früheren Alltag oft keine Zeit blieb.

„Ich schreibe über Fragen, auf die ich selbst keine einfachen Antworten habe.“
Ein Gespräch mit Elias C. Belling

Interview: Jonas Marenfeld

Jonas Marenfeld:
Elias, wir sitzen hier in einem Café in Rennes-le-Château – einem Ort, der für Sie eine besondere Bedeutung hat und der auch in einem Ihrer Bücher und in einigen Ihrer Kurzgeschichten auftaucht. Warum gerade hier?

Elias C. Belling:
Weil dieser Ort etwas mit mir macht. Das klingt jetzt wahrscheinlich pathetischer, als ich es meine. Aber Rennes-le-Château ist für mich einer dieser Orte, an denen Geschichte, Legende und Landschaft so eng ineinanderlaufen, dass man irgendwann nicht mehr genau sagen kann, was einen eigentlich festhält.

Ich komme gern hierher, weil es ruhig ist, obwohl der Ort selbst voller Geschichten steckt. Und weil man hier sehr gut beobachten kann, was Menschen aus Geschichten machen. Was sie glauben wollen, was sie hineinlesen, was sie weitererzählen. Das interessiert mich fast mehr als die Frage, ob hinter jeder einzelnen Legende tatsächlich ein historischer Kern steckt.

Jonas Marenfeld:
Also weniger wegen des berühmten Rätsels um Bérenger Saunière?

Elias C. Belling:
Doch, natürlich auch. Aber wenn ich nur wegen Saunière hier wäre, hätte ich irgendwann wahrscheinlich alles gelesen, was es dazu gibt, und wäre fertig damit. Das Gegenteil ist passiert. Je mehr man sich mit dem Ort beschäftigt, desto interessanter werden die Menschen, die ihn besucht haben, die Geschichten, die daraus entstanden sind – und auch die Frage, warum manche Erzählungen Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte überleben.

Jonas Marenfeld:
Sie schreiben auffallend oft über Themen, bei denen Fakten und Deutungen dicht nebeneinanderliegen.

Elias C. Belling:
Ja. Wahrscheinlich, weil mich Gewissheiten schnell misstrauisch machen. Wenn jemand sagt: „So war es, Punkt“, interessiert mich meistens zuerst, woher er das eigentlich so genau wissen will.

Jonas Marenfeld:
Ist das auch der Grund, warum Sie begonnen haben zu schreiben?

Elias C. Belling:
Nicht der einzige. Aber sicher einer davon.

Jonas Marenfeld:
Sie stammen aus dem Ruhrgebiet, haben nach dem Studium zunächst in einer Unternehmensberatung gearbeitet und später Ihr eigenes Unternehmen gegründet. Das klingt zunächst nicht unbedingt nach dem klassischen Weg eines Schriftstellers.

Elias C. Belling:
schmunzelt
Was ist denn der klassische Weg eines Schriftstellers?

Jonas Marenfeld:
Vielleicht Germanistik, erste Kurzgeschichten mit zwanzig, irgendwann ein Literaturstipendium?

Elias C. Belling:
Dann habe ich wirklich ziemlich gründlich danebengegriffen.

Jonas Marenfeld:
Bereuen Sie das?

Elias C. Belling:
Nein. Überhaupt nicht. Ich glaube sogar, dass mir vieles davon heute beim Schreiben hilft. Wenn man viele Jahre Unternehmen aufgebaut, Entscheidungen getroffen, mit sehr unterschiedlichen Menschen gearbeitet und Verantwortung getragen hat, lernt man ziemlich viel über Menschen. Nicht unbedingt theoretisch. Aber praktisch.

Jonas Marenfeld:
Und trotzdem haben Sie 2024 einen deutlichen Schnitt gemacht.

Elias C. Belling:
Ja. Ich hatte irgendwann das Gefühl, dass ich sehr viel funktioniere und dabei immer weniger lebe.

Jonas Marenfeld:
Sie haben das einmal mit den Worten beschrieben: „Vom Porsche zum Polo.“

Elias C. Belling:
lacht
Ja. Das klingt natürlich erst einmal wie eine ziemlich schlechte Werbekampagne für Volkswagen.

Jonas Marenfeld:
Aber Sie meinen es ernst?

Elias C. Belling:
Absolut. Es geht nicht wirklich um Autos. Es geht darum, was man glaubt zu brauchen. Status, Tempo, Erfolg, immer noch ein bisschen mehr. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich vieles davon gar nicht mehr wollte. Also habe ich mein Unternehmen abgegeben und versucht, mein Leben anders zu organisieren.

Jonas Marenfeld:
Vom Porsche zum Polo – und vom Funktionieren zum Leben?

Elias C. Belling:
Genau. Wobei das zweite deutlich schwieriger war.

Jonas Marenfeld:
Warum?

Elias C. Belling:
Weil man ein Auto ziemlich schnell wechseln kann. Gewohnheiten nicht.

Jonas Marenfeld:
Und Südfrankreich gehörte zu diesem neuen Leben?

Elias C. Belling:
Ja. Ich kannte die Gegend schon vorher, aber irgendwann wurde aus einem Ort, an den ich gern gefahren bin, eine Heimat. Hier ist vieles langsamer. Nicht unbedingt besser, aber anders. Ich kann hier sehr gut denken und schreiben. Und ich habe gelernt, dass ein Nachmittag in einem Café nicht automatisch verlorene Zeit ist.

Jonas Marenfeld:
Das hätten Sie früher anders gesehen?

Elias C. Belling:
schmunzelt
Früher hätte ich wahrscheinlich währenddessen drei E-Mails beantwortet und mich gewundert, warum ich anschließend trotzdem keine Ruhe hatte.

Jonas Marenfeld:
Und heute sitzen Sie in Rennes-le-Château und schreiben Bücher über Zufall, Schöpfung, Liebe und Maria Magdalena.

Elias C. Belling:
Wenn Sie das so aufzählen, klingt es tatsächlich ein bisschen verdächtig.

Jonas Marenfeld:
Inwiefern?

Elias C. Belling:
Als würde ich mir grundsätzlich nur Themen aussuchen, bei denen niemand eine einfache Antwort hat.

Jonas Marenfeld:
Tun Sie das?

Elias C. Belling:
Wahrscheinlich schon.

Jonas Marenfeld:
War dieser Schritt raus aus dem Unternehmertum und hin nach Südfrankreich eigentlich auch deshalb möglich, weil Sie keine Familie hatten, die Sie an einen bestimmten Ort gebunden hat?

Elias C. Belling:
Ja, sicher. Wenn man weder Frau noch Kinder hat, trifft man solche Entscheidungen natürlich anders. Ich musste niemanden fragen, ob er sein Leben ebenfalls komplett verändern möchte.

Jonas Marenfeld:
Warum ist das eigentlich so? War Familie für Sie nie ein Thema?

Elias C. Belling:
Doch. Vielleicht sogar mehr, als man vermuten würde.

Jonas Marenfeld:
Aber es ist nie dazu gekommen?

Elias C. Belling:
Nein.

Jonas Marenfeld:
Weil Ihnen die Arbeit wichtiger war?

Elias C. Belling:
schüttelt den Kopf
So einfach ist es nicht. Ich glaube, ich habe sehr lange nach etwas gesucht, das ich selbst nicht besonders gut beschreiben konnte. Nach Nähe, Vertrautheit, nach diesem Gefühl, bei einem Menschen wirklich angekommen zu sein. Und wahrscheinlich war ich gleichzeitig ziemlich gut darin, mein Leben so zu organisieren, dass genau dafür wenig Platz blieb.

Jonas Marenfeld:
Das klingt beinahe wie ein Vorgriff auf Ihr nächstes Buch.

Elias C. Belling:
lacht
Leider ja. Manche Themen sucht man sich offenbar nicht aus. Manche verfolgen einen einfach lange genug.

Jonas Marenfeld:
Dann kommen wir zu Ihrer Reihe „Was ist eigentlich …?“. Dort führen Sie viele dieser Fragen im Dialog mit Anna. Sie war vor einigen Jahren Praktikantin in Ihrem damaligen Unternehmen?

Elias C. Belling:
Ja. Und wir haben uns schon damals viel unterhalten – über ganz unterschiedliche Dinge. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass genau diese Form von Gespräch für ein Buch erstaunlich gut funktioniert.

Jonas Marenfeld:
Weil Anna Fragen stellt, die andere Leser vielleicht ebenfalls hätten?

Elias C. Belling:
Genau. Und weil sie mir widerspricht. Das ist wichtig. Ein Dialog funktioniert nur, wenn nicht einer redet und der andere ständig nickt.

Jonas Marenfeld:
Wie viel von diesen Gesprächen ist tatsächlich so passiert?

Elias C. Belling:
Das verrate ich nicht im Einzelnen. Manche Gedanken stammen aus echten Gesprächen, andere entstehen erst beim Schreiben. Diese Grenze möchte ich bewusst offenlassen.

Jonas Marenfeld:
Anna liest die Bücher also mit einem gewissen Wiedererkennungswert?

Elias C. Belling:
schmunzelt
Davon gehe ich aus.

Jonas Marenfeld:
Ihre Reihe beginnt mit „Was ist eigentlich Zufall?“, danach folgt „Schöpfung“. Was reizt Sie an solchen großen Begriffen?

Elias C. Belling:
Dass jeder glaubt, ungefähr zu wissen, was damit gemeint ist. Und sobald man genauer hinschaut, wird es kompliziert.

Jonas Marenfeld:
Das scheint ein Prinzip zu sein, das sich durch Ihre Bücher zieht. Können Sie das vielleicht etwas deutlicher beschreiben?

Elias C. Belling:
Ja. Mich interessieren Begriffe und Vorstellungen, die im Alltag vollkommen selbstverständlich wirken und bei denen man plötzlich merkt, dass hinter ihnen ganze Welten stecken. Wenn ich Ihnen spontan das Wort Auto sage, dann haben Sie sofort ein Bild vor Augen. Genauso verhält es sich mit dem Wort UFO. Sie sehen vor Ihrem geistigen Auge irgendeine fliegende Untertasse aus einem Film, an den Sie sich spontan erinnern. Selbst bei abstrakteren Begriffen wie Angst oder Zukunft hat man sofort eine konkrete Vorstellung. Aber wie sieht das bei dem Wort Zufall aus?  

Jonas Marenfeld:
Da müsste ich tatsächlich nach einem Beispiel suchen, ein Bild erscheint bei dem Wort nicht. Und auch "Zeit" und „Liebe“ passen da natürlich ziemlich gut hinein.

Elias C. Belling:
Leider.

Jonas Marenfeld:
lacht
Warum leider?

Elias C. Belling:
Weil jeder etwas darüber sagen kann und gleichzeitig kaum jemand genau erklären kann, was es eigentlich ist. Zumindest bei dem Wort Liebe. Biologie? Bindung? Gewohnheit? Projektion? Sehnsucht? Wahrscheinlich von allem etwas.

Jonas Marenfeld:
Und vermutlich wird Anna Ihnen dabei wieder widersprechen.

Elias C. Belling:
Davon gehe ich ziemlich sicher aus.

Jonas Marenfeld:
Neben dieser Reihe arbeiten Sie außerdem an einem Thriller.

Elias C. Belling:
Ja, an „Epistase“.

Jonas Marenfeld:
Ein ziemlicher Genrewechsel.

Elias C. Belling:
Nur auf den ersten Blick. Auch dort geht es um Geschichte, Glauben, Deutung und darum, wie sicher wir uns bei Dingen sein können, die wir für wahr halten.

Jonas Marenfeld:
Und damit wären wir fast wieder hier in Rennes-le-Château.

Elias C. Belling:
Genau.

Jonas Marenfeld:
Rennes-le-Château spielt auch bei Ihrer Beschäftigung mit Maria Magdalena eine Rolle. Ihr Buch darüber dürfte manchen Leser zunächst vermuten lassen, Sie hätten sich dem Thema aus religiösen Gründen genähert.

Elias C. Belling:
Nein. Das wäre ein Missverständnis. Das Buch ist nicht aus religiösen Gründen entstanden. Mich hat weder interessiert, Maria Magdalena zu verehren, noch irgendeine Glaubensposition zu verteidigen.

Jonas Marenfeld:
Was war dann der Ausgangspunkt?

Elias C. Belling:
Historische Neugier. Mich hat interessiert, was tatsächlich belegt ist und was sich erst im Laufe der Jahrhunderte als Tradition, Deutung oder Legende verfestigt hat. Gerade bei Maria Magdalena ist erstaunlich, wie selbstverständlich heute Dinge über sie erzählt werden, die in den frühen Quellen so gar nicht stehen.

Jonas Marenfeld:
Also weniger Glaubensfrage als historische Spurensuche?

Elias C. Belling:
Ganz eindeutig. Und irgendwann stellt man fest, dass eine Frage zur nächsten führt. Man beginnt mit einer historischen Person und landet plötzlich bei frühen christlichen Texten, kirchlicher Überlieferung, politischen Interessen, Südfrankreich und der Frage, wie Geschichte überhaupt entsteht.

Jonas Marenfeld:
Und daraus wurden schließlich mehrere hundert Seiten.

Elias C. Belling:
lacht
Das war so nicht geplant.

Jonas Marenfeld:
Passiert Ihnen das öfter?

Elias C. Belling:
Leider auch das.

Jonas Marenfeld:
Wenn man Ihre Bücher nebeneinanderlegt – Maria Magdalena, Zufall, Schöpfung, demnächst Liebe und dazu noch „Epistase“ –, wirken die Themen zunächst ziemlich unterschiedlich. Gibt es trotzdem etwas, das sie verbindet?

Elias C. Belling:
Ja. Wahrscheinlich eine bestimmte Art zu fragen.

Jonas Marenfeld:
Und wie lautet diese Frage?

Elias C. Belling:
Woher wissen wir eigentlich, was wir zu wissen glauben?

Jonas Marenfeld:
Das klingt nach einem ziemlich passenden Schlusssatz.

Elias C. Belling:
schmunzelt
Dann sollten wir besser aufhören, bevor ich ihn noch kaputtmache.

Jonas Marenfeld:
Dann belassen wir es dabei. Vielen Dank für das Gespräch.

Elias C. Belling:
Sehr gern.

 

© Elias C. Belling Urheberrecht. Alle Rechte vorbehalten. 

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