Leseprobe

Was ist eigentlich Wahrheit?
Aus Kapitel 4: Ein Gorilla im Blickfeld
Ich öffnete eine Flasche Rotwein und nahm zwei Gläser mit auf die Terrasse.
Die Luft war noch angenehm warm. Von unten hörte man das gleichmäßige Rauschen der Aude. Ansonsten war es still.
Anna nahm einen Schluck und lehnte sich zurück.
„Das habe ich vermisst.“
„Den Wein?“
„Den auch.“
Sie sah in die Dunkelheit.
„Aber ich meinte das hier.“
Wir saßen eine Weile schweigend da.
Dann sagte sie plötzlich:
„Mir ist noch etwas für dein Buch eingefallen.“
„Jetzt schon?“
„Kennst du diese Geschichte, dass ein Mensch im Laufe seines Lebens im Schlaf ungefähr siebzig Insekten und Spinnen verschluckt?“
Ich sah sie an.
„Siebzig?“
„Oder acht Spinnen. Oder irgendeine andere Zahl. Ich weiß es nicht mehr genau. Aber die Geschichte kennst du doch.“
„Natürlich.“
„Und?“
„Ich frage mich gerade, wer sie gezählt hat.“
Anna sah mich an.
„Was?“
„Die Spinnen.“
Sie begann zu lachen.
„Das meine ich ernst. Irgendwoher muss die Zahl ja kommen.“
„Vielleicht hat das mal jemand untersucht.“
„Gut. Stellen wir uns diese Untersuchung einmal vor.“
Ich stellte mein Glas auf den Tisch.
„Wir brauchen zunächst eine ausreichend große Gruppe von Versuchspersonen. Tausend Menschen wären vermutlich besser als drei.“
„Einverstanden.“
„Dann stellen wir neben jedes Bett einen Wissenschaftler.“
Anna grinste bereits.
„Mit Klemmbrett.“
„Selbstverständlich mit Klemmbrett. Sonst wäre es unseriös.“
„Natürlich.“
„Und dann sitzt der dort. Jede Nacht. Acht Stunden lang.“
„Und wartet auf die Spinne.“
„Genau. Sobald eine auftaucht, wird es spannend.“
Anna lachte.
„Was macht er dann?“
„Er darf auf keinen Fall eingreifen. Sonst verfälscht er das Ergebnis.“
„Also lässt er sie weiterlaufen.“
„Selbstverständlich. Über das Kopfkissen, Richtung Mund.“
„Das ist widerlich.“
„Wissenschaft verlangt Opfer.“
Jetzt lachte sie richtig.
„Und wenn die Spinne wieder umdreht?“
„Dann gibt es keinen Strich auf dem Klemmbrett.“
„Und wenn sie im Mund verschwindet?“
„Dann haben wir einen Treffer.“
„Du bist bescheuert.“
„Wir sind noch lange nicht fertig. Schließlich wollen wir wissen, wie viele Spinnen ein Mensch im Laufe seines Lebens verschluckt.“
Anna sah mich an.
„Oh nein.“
„Doch. Unser Wissenschaftler muss bleiben.“
„Wie lange?“
„Vielleicht siebzig oder achtzig Jahre. Kommt auf die Versuchsperson an.“
Sie hielt sich inzwischen lachend die Hand vor den Mund.
„Der sitzt sein ganzes Leben neben demselben Bett?“
„Das wäre methodisch vermutlich am saubersten.“
„Und wenn der Wissenschaftler vorher stirbt?“
„Dann brauchen wir einen Nachfolger.“
„Natürlich.“
„Außerdem müssten wir klären, was bei Urlaub passiert. Krankenhausaufenthalte. Übernachtungen bei Freunden. Hotels.“
„Dann müsste der Wissenschaftler mitreisen.“
„Unbedingt.“
„Mit Klemmbrett.“
„Immer mit Klemmbrett.“
Anna schüttelte lachend den Kopf.
„Wenn du es so erzählst, merkt man erst, wie absurd diese Zahl eigentlich ist.“
„Genau das ist interessant.“
Ich nahm mein Glas wieder in die Hand.
„Eine konkrete Zahl klingt nach Messung. Wenn jemand sagt, ein Mensch verschlucke im Laufe seines Lebens acht Spinnen, denkt kaum jemand darüber nach, wie diese acht eigentlich zustande gekommen sein sollen.“
„Weil acht so präzise klingt.“
„Eben. Sieben wäre vermutlich genauso überzeugend. Oder zwölf.“
„Siebzig Insekten klingt auch ziemlich wissenschaftlich.“
„Vor allem, wenn man nicht fragt, wer sie gezählt hat.“
Anna nahm einen Schluck Wein.
„Also stimmt die Geschichte nicht.“
„Für eine solche feste Zahl gibt es jedenfalls keine wissenschaftliche Grundlage. Es existiert keine belastbare Untersuchung, aus der man ableiten könnte, wie viele Spinnen Menschen während ihres Lebens im Schlaf verschlucken.“
„Gar keine?“
„Nein. Es kursieren unterschiedliche Zahlen und unterschiedliche Versionen.“
„Aber passieren könnte es.“
„Natürlich. Niemand kann ausschließen, dass irgendwann irgendwo tatsächlich einmal ein kleines Tier im Mund eines schlafenden Menschen landet. Das ist aber etwas vollkommen anderes als die Behauptung, dass jedem Menschen im Laufe seines Lebens zuverlässig eine bestimmte Anzahl davon serviert wird.“
„Serviert?“
„Du hast mit den Spinnen angefangen.“
Sie lachte wieder.
„Ich habe das trotzdem jahrelang geglaubt.“
„Warum?“
Sie zuckte mit den Schultern.
„Weil ich es irgendwann einmal gehört habe.“
„Von wem?“
„Keine Ahnung.“
„Und woher wusste derjenige es?“
„Auch keine Ahnung.“
„Hast du jemals nachgesehen, ob es stimmt?“
„Nein.“
„Warum nicht?“
Sie dachte kurz darüber nach.
„Weil es irgendwie nach etwas klang, das einmal jemand untersucht hat.“
Genau darin liegt wahrscheinlich ein Teil des Erfolgs solcher Geschichten.
Eine konkrete Zahl wirkt, als müsse irgendwo eine Messung dahinterstehen.
Jemand musste gezählt haben.
Jemand musste geforscht haben.
Irgendwo musste eine Tabelle existieren.
Nur fragt kaum jemand nach dieser Tabelle.
„Und wahrscheinlich hast du die Geschichte selbst irgendwann weitererzählt“, sagte ich.
Anna verzog das Gesicht.
„Mit Sicherheit.“
„Damit haben wir immerhin einen nachgewiesenen Teil der Verbreitungskette.“
„Sehr lustig.“
„Das wirklich Schöne an der Geschichte kommt aber erst noch.“
„Da kommt noch etwas?“
„Ja. Irgendwann glaubte man sogar herausgefunden zu haben, woher die Geschichte stammte.“
„Na endlich.“
„Angeblich hatte 1993 eine Kolumnistin namens Lisa Birgit Holst in einem amerikanischen Computermagazin darüber geschrieben.“
„Über Spinnen?“
„Eigentlich über leichtgläubige Internetnutzer. Der Geschichte zufolge wollte sie zeigen, wie schnell Menschen irgendwelche angeblichen Fakten übernehmen und weiterverbreiten, ohne sie zu überprüfen. Als Beispiel soll sie die Behauptung mit den verschluckten Spinnen erfunden haben.“
Anna grinste.
„Das wäre für dein Buch ja geradezu perfekt.“
„Wäre es.“
Sie sah mich an.
„Warum sagst du wäre?“
„Weil auch diese Geschichte nicht stimmt.“
Anna brauchte einen Moment.
„Die Frau hat das gar nicht gemacht?“
„Die Frau hat offenbar überhaupt nicht existiert.“
„Jetzt wird es kompliziert.“
„Eigentlich wird es gerade erst richtig schön.“
Ich nahm einen Schluck Wein.
„Die Geschichte über Lisa Birgit Holst wurde 2001 von David Mikkelson, einem der Gründer der Faktencheck-Seite Snopes, erfunden. Er schrieb, Holst habe den Spinnenmythos 1993 in einer Zeitschrift namens PC Professional verbreitet.“
„Und das war alles erfunden?“
„Ja. Andere Internetseiten übernahmen diese Erklärung anschließend und verbreiteten sie weiter.“
Anna begann zu lachen.
„Also haben ausgerechnet Leute, die erklären wollten, warum man Informationen überprüfen sollte, die Erklärung erfunden?“
„Genau.“
„Das wird immer besser.“
„Warte ab.“
„Da kommt noch etwas?“
„Der Name.“
„Welcher Name?“
„Lisa Birgit Holst.“
Anna sah mich fragend an.
„Was ist damit?“
„Ordne die Buchstaben neu.“
„Das soll ich jetzt machen?“
„Nein, das würde wahrscheinlich den restlichen Weinabend beanspruchen. Heraus kommt auf Englisch: ,This is a big troll.‘“
Anna starrte mich kurz an.
Dann lachte sie laut.
„Das gibt es doch nicht.“
„Doch.“
„Der hat den Namen extra so erfunden?“
„Offenbar. Der Name war ein Anagramm und damit eigentlich sogar ein versteckter Hinweis darauf, dass die Geschichte nicht ernst gemeint war.“
„Und trotzdem wurde sie überall weitererzählt.“
„Genau.“
Anna schüttelte den Kopf.
„Das heißt also: Es gibt eine Geschichte über Menschen, die im Schlaf Spinnen verschlucken.“
„Ja.“
„Die ist nicht belegt.“
„Richtig.“
„Dann wurde eine Geschichte darüber erfunden, wie diese falsche Geschichte entstanden sein soll.“
„Richtig.“
„Und die wurde wiederum von Menschen weitererzählt, die offenbar zeigen wollten, dass man falsche Geschichten nicht ungeprüft weitererzählen soll.“
„Jetzt hast du es.“
Sie hob ihr Glas.
„Das ist eigentlich zu schön, um wahr zu sein.“
Ich sah sie an.
„Vorsicht mit solchen Sätzen. Wir schreiben gerade ein Buch.“
Sie lachte.
„Weiß man denn wenigstens, wo die ursprüngliche Spinnengeschichte wirklich herkommt?“
„Nicht zuverlässig. Die Behauptung ist älter als die erfundene Lisa-Holst-Geschichte. Sie kursiert seit Jahrzehnten in unterschiedlichen Fassungen und mit unterschiedlichen Zahlen. Einen eindeutig belegten Ursprung kennt man bisher nicht.“
Anna sah nachdenklich in ihr Glas.
„Und trotzdem kennt sie fast jeder.“
„Zumindest sehr viele Menschen.“
„Dann braucht eine Behauptung irgendwann offenbar gar keine erkennbare Quelle mehr.“
„Das scheint tatsächlich ein wichtiger Punkt zu sein.“
„Man weiß irgendwann nur noch, dass man es mal irgendwo gehört hat.“
„Ja.“
Sie dachte einen Moment nach.
„Und aus ,Das habe ich irgendwo gehört‘ wird irgendwann ,Das weiß ich‘.“
Ich sah sie an.
„Den Satz nehme ich.“
„Dann will ich wenigstens erwähnt werden.“
„Du kommst doch in jedem Buch vor.“
„Das heißt nicht, dass du einfach alles verwenden darfst, was ich sage.“
„Ich fürchte, genau darauf basiert inzwischen ein erheblicher Teil dieser Buchreihe.“
„Dann möchte ich Prozente.“
„Darüber reden wir, sobald die ersten Millionen kommen.“
„Das halte ich schriftlich fest.“
Wir lachten.
Danach wurde es wieder ruhiger.
Ich dachte an den Gorilla.
An den Unfall in Paris.
An Menschen, die sich sicher an Dinge erinnerten, die anders geschehen waren.
Und nun an eine Geschichte über verschluckte Spinnen, deren Wahrheit wahrscheinlich Millionen Menschen niemals überprüft hatten, weil sie glaubwürdig genug klang, um keinen Zweifel auszulösen.
Sogar die Geschichte darüber, woher diese Behauptung angeblich stammte, war selbst erfunden worden und anschließend jahrelang weiterkopiert worden.
Vielleicht liegt darin eine weitere Antwort auf die Frage, warum sich Unwahrheiten so hartnäckig halten können.
Sie brauchen manchmal gar keinen überzeugenden Beweis.
Eine präzise klingende Zahl, eine scheinbar glaubwürdige Quelle und genügend Menschen, die beides weitererzählten, können bereits reichen.
Anna lehnte sich zurück.
„Dann habe ich heute also gelernt, dass ich meinen Augen nicht vollkommen trauen darf, meine Erinnerung mich täuschen kann und nachts offenbar niemand mit einem Klemmbrett neben meinem Bett sitzt und meine Spinnen zählt.“
„Zumindest beim letzten Punkt bin ich ziemlich zuversichtlich.“
„Das beruhigt mich.“
„Mich auch.“
Wir blieben noch eine Weile auf der Terrasse sitzen.
Zum dritten Mal innerhalb eines Jahres war Anna nach Belvianes gekommen.
Und kaum war sie wieder da, hatte sie schon die nächste vermeintliche Wahrheit mitgebracht.