Leseprobe

Was ist eigentlich Schöpfung?

Manche Wörter brauchen keine Erklärung.

Wenn jemand „Verkehrsunfall“ sagt, haben die meisten Menschen sofort ein Bild vor Augen. Zwei Autos an einer Kreuzung. Blaulicht. Eine zerbrochene Stoßstange. Menschen am Straßenrand.

Bei „Olympiade“ ist es ähnlich. Stadion, Fahnen, Sportler, Jubel, Medaillen. Man muss nicht lange überlegen. Das Wort fällt, und der Kopf liefert die Szene dazu.

Solche Wörter öffnen sofort eine Schublade.

Bei anderen Wörtern ist das anders.

„Zufall“ war so ein Wort.

Schon in meinem vorherigen Buch „Was ist eigentlich Zufall?“ habe ich beschrieben, wie selbstverständlich wir dieses Wort benutzen. Etwas ist zufällig passiert. Jemand ist zufällig vorbeigekommen. Man war zufällig genau im richtigen Moment an der richtigen Stelle.

Das sagt sich leicht.

Schwierig wird es erst, wenn man fragt, was damit eigentlich gemeint ist.

Mit „Schöpfung“ ist es ähnlich.

Das Wort kennt jeder. Es klingt groß, vertraut und irgendwie bedeutend. Aber wenn man sich fragt, welches Bild dabei im Kopf entsteht, wird es nicht so eindeutig wie bei einem Verkehrsunfall oder einer Olympiade.

Schöpfung.

Da ist sofort etwas. Aber es ist nicht scharf. Man kann es nicht einfach greifen und sagen: Genau das ist es.

Ich lebe und arbeite den überwiegenden Teil des Jahres in Südfrankreich. Mein Schreibtisch steht dort genauso wie meine Kaffeemaschine, meine Notizen und alles, was man eben braucht, wenn man nicht im Urlaub ist, sondern versucht, ein Buch zu schreiben.

Trotzdem kommen einem manche Gedanken nicht am Schreibtisch. Sie kommen beim Gehen. Oder wenn man draußen steht, eine Zigarette raucht und eigentlich gar nicht arbeiten will. Dann sieht man auf die Berge, die alten Häuser und die engen Straßen.

Südfrankreich macht aus solchen Gedanken keine besseren Gedanken. Aber es lässt ihnen mehr Platz.

Ich habe einen holländischen Nachbarn.

Wir unterhalten uns meistens in einer Sprache, für die es vermutlich kein Wörterbuch gibt. Nicht, weil wir kein Französisch könnten. Wer dort lebt, kommt ohne Französisch nicht weit. Aber in unseren Gesprächen mischt sich alles. Ein bisschen Deutsch, ein bisschen Französisch, etwas Englisch und dazwischen Niederländisch. Am Ende verstehen wir uns. Nicht immer sofort, aber meistens doch.

Solche Gespräche haben ihren eigenen Reiz. Sie werden einfacher. Direkter. Man kann sich nicht endlos hinter langen Sätzen verstecken. Und manchmal merkt man gerade dabei, dass einfache Wörter gar nicht so einfach sind.

Dieser Nachbar hat einen Brunnen im Garten.

Keinen Brunnen, der nur hübsch aussieht und abends beleuchtet wird. Sondern einen richtigen Brunnen. Einen, aus dem man Wasser holen kann.

Eines Tages saß ich bei einem Tee auf seiner Terrasse und fragte ihn:

„Woran denkst du eigentlich, wenn ich Schöpfen oder Schöpfung sage?“

Er sah mich einen Moment lang verdutzt an. Dann zeigte er auf seinen Brunnen und sagte sinngemäß:

„Na ja. Wenn ich Wasser daraus hole.“

Ich weiß nicht, ob mein holländischer Nachbar religiös ist. Besonders fromm wirkt er auf mich nicht. Dafür schläft er sonntags viel zu gern lange.

Aber seine Antwort war interessanter, als ihm wahrscheinlich bewusst war.

Im Niederländischen heißt „schöpfen“ scheppen. Und dieses Wort kann tatsächlich zweierlei bedeuten. Man kann Wasser aus einem Brunnen scheppen. Man kann aber auch etwas erschaffen.

Im Präsens merkt man den Unterschied nicht. Erst wenn man über die Vergangenheit spricht, trennen sich die beiden Wörter. Wer Wasser aus einem Brunnen holte, schepte und hat geschept. Wer etwas erschuf, schiep und hat geschapen.

Im Deutschen ist es ähnlich und doch nicht ganz dasselbe. Auch bei uns kann man Wasser schöpfen. Und auch das Erschaffen wurde einmal „schöpfen“ genannt. Diese Bedeutung ist heute fast verschwunden. Wir sagen gewöhnlich nicht mehr, jemand habe eine Welt geschöpft. Wir sagen, er habe sie erschaffen.

Das Wort „Schöpfung“ ist dagegen geblieben.

Mein Nachbar hatte meine Frage also nicht einfach falsch verstanden. Er war an eine Stelle geraten, an der sich in seiner Sprache zwei völlig verschiedene Vorstellungen dasselbe Wort teilen.

Bei der einen ist etwas bereits vorhanden. Das Wasser wartet im Brunnen und wird heraufgeholt.

Bei der anderen entsteht etwas, das vorher noch nicht da war.

Und damit hatte er mich, ohne es zu wissen, mitten in das eigentliche Problem geführt.

Denn was meinen wir, wenn wir von Schöpfung sprechen? Wird etwas hervorgeholt, das bereits vorhanden ist? Nimmt etwas nur eine neue Form an? Oder entsteht tatsächlich etwas aus dem Nichts?

Schöpfung ist ein Wort, bei dem man besser nicht zu früh so tut, als wüsste man Bescheid.

Also fangen wir vorne an.

Bei dem Wort.

Bei dem Brunnen.

Und bei der Frage, was wir eigentlich meinen, wenn wir Schöpfung sagen.

Am darauffolgenden Tag ließ mich der Gedanke an die Schöpfung noch immer nicht los.

Wenn mir so etwas passiert, hilft es meistens wenig, weiter darüber nachzudenken. Ich muss dann etwas anderes tun. Also beschloss ich, in den nächsten Ort zu fahren und einzukaufen.

Als ich wieder an das Gespräch über den Brunnen dachte, fiel mir ein, dass ich unbedingt Mineralwasser brauchte.

Im Supermarkt nahm ich eine Flasche aus dem Regal. Auf dem Etikett stand, das Wasser stamme aus einer 10.000 Jahre alten Quelle. Ich drehte die Flasche um und entdeckte das Mindesthaltbarkeitsdatum.

Noch gut einen Monat im nächsten Jahr.

Ich sah wieder auf die Vorderseite.

Zehntausend Jahre hatte das Wasser offenbar problemlos überstanden. Aber kaum war es in eine Plastikflasche gefüllt worden, blieben ihm nur noch wenige Monate.

Während ich darüber nachdachte, bemerkte ich nicht, dass ich den Zugang zum Regal versperrte.

Hinter mir sagte ein Mann in ziemlich schlechtem Französisch und mit unüberhörbar bayerischem Akzent, ich solle das Etikett doch woanders lesen. Andere Leute wollten schließlich auch ans Wasser.

Ich drehte mich zu ihm um.

„I’m sorry, I didn’t understand you.“

Sein Gesicht wurde etwas freundlicher.

„Ah, Engländer?“

„Nein, Deutscher. Aber mein Bayerisch ist nicht so gut.“

Ich stellte die Flasche zurück, nahm einen ganzen Kasten und ging weiter, ohne mich noch einmal umzudrehen.

Wieder zu Hause stellte ich die Einkäufe ab, machte mir einen Kaffee und rief Anna an.

„Hallo Anna.“

„Hi Elias.“

„Passt es gerade?“

„Ja. Ich bin eben erst nach Hause gekommen. Was gibt es?“

Wir führten den üblichen Smalltalk.

„Ich muss dir erzählen, was gestern Abend passiert ist.“

Ich berichtete ihr von meinem holländischen Nachbarn und seinem Brunnen.

„Ich habe ihn gefragt, woran er denkt, wenn ich Schöpfen oder Schöpfung sage.“

„Was hat er geantwortet?“

„Er hat auf seinen Brunnen gezeigt und gesagt, er denke daran, Wasser heraufzuholen.“

„Wasser zu schöpfen.“

„Genau. Seitdem bekomme ich das Wort nicht mehr aus dem Kopf. Heute bin ich einkaufen gefahren, um mich auf andere Gedanken zu bringen. Dann stand ich vor einer Flasche Mineralwasser, auf der etwas von einer 10.000 Jahre alten Quelle stand. Das Mindesthaltbarkeitsdatum lag im nächsten Jahr.“

„Zehntausend Jahre unter der Erde und kaum ist das Wasser abgefüllt, läuft ihm die Zeit davon.“

„Natürlich weiß ich, dass das mit der Abfüllung und der Verpackung zu tun hat. Aber in dem Moment sah es einfach absurd aus.“

„Mit der Ablenkung hat es also nicht funktioniert.“

„Im Gegenteil. Noch im Laden wusste ich, dass ich mit dem Buch über die Schöpfung anfangen will.“

„Jetzt schon?“

„Ja.“

„Du wolltest doch nach dem Zufall erst einmal eine Pause machen.“

„Das war der Plan.“

„Und jetzt nicht mehr?“

„Nein.“

„Das ging schnell.“

„Ein Brunnen und eine Flasche Mineralwasser haben offenbar genügt.“

„Und deshalb hast du mich angerufen?“

„Nicht nur. Du hattest doch erzählt, dass du noch nicht weißt, ob du dieses Jahr Urlaub machst.“

„Das weiß ich immer noch nicht.“

„Hättest du Lust, für ein paar Wochen zu mir nach Frankreich zu kommen?“

Für einen Moment sagte sie nichts.

„Für ein paar Wochen?“

„Ja.“

„Das kommt jetzt ziemlich überraschend.“

„Gestern hätte ich dich auch noch nicht gefragt.“

„Und du meinst das wirklich ernst?“

„Natürlich. Das Gästezimmer ist frei, und Platz habe ich mehr als genug. Es sollen für dich vor allem ein paar Wochen Urlaub sein. Aber ich würde mich freuen, wenn du mich bei dem neuen Buch wieder unterstützt. Du hast ein Talent dafür, an den richtigen Stellen die Fragen zu stellen, auf die ich allein oft gar nicht komme.“

„Damit habe ich wirklich nicht gerechnet“, sagte sie. „Aber ich würde das sehr gern machen.“

„Das freut mich.“

„Ich muss das mit meinem Vater besprechen. Gerade weil ich erst seit einem halben Jahr im Unternehmen bin. Aber das wird schon klappen, denke ich.“

„Wann genau soll ich denn fahren?“

„Morgen zum Beispiel.“

© Elias C. Belling Urheberrecht. Alle Rechte vorbehalten. 

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