Was ist eigentlich Liebe?

Warum verlieben wir uns? Was passiert dabei in unserem Kopf – und warum kann Liebe gleichzeitig Nähe, Sehnsucht, Glück und Schmerz bedeuten? Anna und Elias nähern sich diesen Fragen im Gespräch: persönlich, verständlich und ohne einfache Antworten.

Ein Gespräch über die Liebe

Warum Liebe so schwer zu erklären ist

Anna und Elias sprechen während einer Reise durch Frankreich über eine Frage, die einfach klingt und sich doch kaum eindeutig beantworten lässt: Was geschieht, wenn wir uns verlieben? Welche Rolle spielen Biologie, Prägung, Erinnerung, Nähe und Verlust? Und warum erleben Menschen Liebe so unterschiedlich?

Im Dialog nähern sie sich dem Thema aus verschiedenen Blickwinkeln – verständlich, persönlich und mit Bezügen zu Psychologie, Biologie, Philosophie und Alltag. Kein Ratgeber mit einfachen Antworten, sondern eine gemeinsame Suche nach dem, was Liebe ausmacht.

Leseprobe

Monsieur Robert hatte Jahrzehnte mit derselben Frau verbracht. Und immer wenn er von Mariechlaire erzählte, sprach er nicht wie ein Mann, der über etwas Vergangenes berichtete. Sie war noch immer Teil seines Lebens. Nur eben nicht mehr im selben Raum.

 

Anna sah zu Monsieur Robert.

„Und was war Liebe damals für Sie? Als Sie Mariechlaire zum ersten Mal gesehen haben?“

Er verstand die Frage sofort.

Diesmal antwortete er nicht gleich.

Er nahm sein Glas, trank einen kleinen Schluck und stellte es wieder vor sich.

„Ich wollte bei ihr sein.“

Anna wartete.

Monsieur Robert suchte nach den richtigen Worten.

„Ich wollte sie sehen. Jeden Tag.“

Er lächelte.

„Wenn ich sie gesehen hatte, war der Tag gut.“

„Und später?“, fragte Anna. „Nachdem Sie verheiratet waren?“

Er sah sie an.

„Später war anders.“

„Wie anders?“

Monsieur Robert überlegte wieder.

„Am Anfang möchte man immer zusammen sein.“

Er deutete mit beiden Händen aufeinander.

„Später ist man zusammen.“

Dieser Satz blieb einen Moment im Raum.

Anna sagte nichts.

Ich ebenfalls nicht.

Monsieur Robert fuhr fort.

Am Anfang hatte er jedes Treffen mit Mariechlaire herbeigesehnt.

Später gab es Arbeit.

Ein Haus.

Verpflichtungen.

Alltag.

Man musste Dinge erledigen.

Man war müde.

Man stritt.

Manchmal sprach man einen Abend lang kaum miteinander.

Und trotzdem war da etwas entstanden, das mit jener ersten Aufregung nur noch wenig zu tun hatte.

„Wenn sie nicht da war“, sagte er, „fehlte etwas.“

Er deutete auf den Tisch.

„Wie ein Stuhl.“

„Man sieht ihn jeden Tag. Man denkt nicht darüber nach. Aber wenn er weg ist, sieht man nur noch den leeren Platz.“

Auf der Rückfahrt nach Belvianes war Anna lange still.

Nicht bedrückt.

Eher nachdenklich.

Wir waren schon ein gutes Stück gefahren, als sie schließlich sagte:

„Das ist eigentlich verrückt.“

„Was?“

„Wir haben gestern Nacht darüber gesprochen, wie aus Verliebtheit Bindung wird. Dopamin, Oxytocin, Evolution, Partnerwahl und alles Mögliche.“

„Und?“

„Und dann sitzt da ein Mann mit dreiundneunzig und erklärt es mit einem leeren Stuhl.“

Ich musste lächeln.

„Manchmal braucht man für eine gute Erklärung offenbar keine Studie.“

„Aber die Studie erklärt vielleicht, warum der Stuhl irgendwann so wichtig geworden ist.“

Ich sah kurz zu ihr.

„Das könnte ziemlich genau der Punkt sein.“

 

Liebe musste nicht jahrzehntelang gleich bleiben, um echt zu sein. Ein Gefühl, das sich veränderte, war deshalb nicht automatisch verschwunden.

Monsieur Robert hatte es wesentlich einfacher ausgedrückt als jede Studie, die ich dazu gelesen hatte:

Am Anfang möchte man immer zusammen sein.

Später ist man zusammen.

Das erste beschrieb einen Wunsch.

Das zweite einen Zustand, der über Jahre entstanden war.

Beides konnte Liebe sein.

Nur fühlte es sich nicht gleich an.

Zeit veränderte Menschen. Sie veränderte ihre Körper, ihren Alltag, ihre Erfahrungen, ihre Wünsche und das Leben, das sie miteinander führten.

Es wäre eher erstaunlich gewesen, wenn ausgerechnet die Liebe von all dem unberührt geblieben wäre.

 

Band 3 der Reihe „Was ist eigentlich …?“ – jedes Buch ist unabhängig lesbar. Wer Anna und Elias von Anfang an begleiten möchte, startet mit Band 1 „Was ist eigentlich Zufall?“

© Elias C. Belling Urheberrecht. Alle Rechte vorbehalten. 

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