Epistase

Leseprobe, Kapitel 3

Kapitel 2

 

Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen

Weg bereiten soll.

Mt 1.2

 

Cibola Air Force Base
New Mexico

Der Sandsturm hatte fast vierundzwanzig Stunden gewütet. Die äußeren Schutzzäune waren nicht mehr vorhanden, und auf der gesamten Fläche des Stützpunktes waren Hunderte von Soldaten mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Das stadtgroße Areal war in einen äußeren und einen inneren Bezirk eingeteilt. Der äußere, wesentlich größere Teil der Basis bestand aus einer sehr langen Landebahn und einigen Baracken sowie Verteidigungs- und Aussichtstürmen. Im kleineren, inneren Bereich, der nochmals durch Drahtzäune, Stacheldraht und weitere Türme vom äußeren Teil getrennt war, standen nebeneinander zwei große Hallen mit gewölbten Dächern, die nur etwa dreieinhalb Stockwerke hoch waren, dafür jedoch sieben Etagen in die Tiefe gingen. 

Der große Militärhubschrauber wühlte den Sand, der durch den Sturm auf dem gesamten Areal verteilt war, so stark auf, dass von den Soldaten im nahe stehenden Beobachtungsturm kaum etwas zu erkennen war. Nach der Landung brauchten die mächtigen Rotoren einige Minuten, bis sie stillstanden und der Sand nicht weiter herumgewirbelt wurde. Durch die geöffnete Luke stiegen zwei Soldaten aus. Ihnen folgten drei hoch dekorierte Angehörige der US-Streitkräfte sowie ein in Zivil gekleideter älterer Mann, der sich ängstlich umsah. Es schien, als sei er froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Zwei Jeeps näherten sich dem Helikopter, und die Besucher stiegen ein. Der Weg führte die Armeefahrzeuge vom Landeplatz auf eine asphaltierte Straße, die gänzlich mit Wüstensand bedeckt war – wie eigentlich alles auf dem gesamten Stützpunkt. Die Fahrer nahmen keine Rücksicht auf die mit Aufräumarbeiten beschäftigten Soldaten und fuhren mit hohem Tempo auf die einzige Straße zu, die zum inneren Bereich der Basis führte. Am Ende der Straße kamen sie vor einem riesigen stählernen Tor zum Stehen. Vier Wachposten standen außerhalb des Tores, trotz der enormen Hitze in voller Kampfmontur. Der Beifahrer des ersten Jeeps stieg aus und ging zu einem der wachhabenden Soldaten. Sie wechselten einige Worte, und kurze Zeit darauf versenkte sich das schwere Stahltor im Boden und machte den Weg frei. Nach der Durchfahrt hörten die Insassen der Jeeps, wie sich das sieben Tonnen schwere Tor hinter ihnen wieder schloss, indem es erstaunlich schnell aus dem Boden nach oben fuhr. Nach einer weiteren Minute hielten die Fahrzeuge vor der ersten der beiden großen Hallen im inneren Bereich der Basis. 

Der Beifahrer stieg erneut aus und öffnete die hintere Tür. Die Besucher verließen die Fahrzeuge und folgten dem Soldaten zu einer etwa zwanzig Meter entfernten Stahltür, die ebenfalls bewacht wurde. Wieder sprach der Soldat mit den Wachposten, die daraufhin einen Schritt zur Seite traten und den Weg freigaben. Der Soldat ging voran, die vier Besucher folgten ihm. Der Zivilist blickte noch immer verstört umher, als erwarte er jeden Moment eine unliebsame Überraschung. 

Der Weg führte die Gruppe durch einen etwa zwei Meter hohen und drei Meter breiten Tunnel, der vollständig mit dicken Stahlwänden verkleidet war. Nach einigen Metern standen sie erneut vor einer Tür. Der Soldat drehte sich zu seinen Begleitern um. „Sie werden nun drei Stockwerke nach unten fahren. General Watson, darf ich Sie bitten, Ihren Code einzugeben.“ In der Wand vor ihnen erschien ein kleines Display. Der angesprochene General nickte kurz, ohne den Soldaten anzublicken, und legte den Daumen seiner rechten Hand auf ein rot leuchtendes Feld. Anschließend gab er eine siebenstellige Zahlenkombination ein. Die schwere zweiteilige Panzertür öffnete sich und gab den Eingang zu einem Aufzug frei. Die Besucher traten ein, und der begleitende Soldat verabschiedete sich mit militärischem Gruß. Nach siebzehn Sekunden hielt der Aufzug, und die Tür öffnete sich. Vor ihnen stand der militärische Leiter der Air Base, General Dwight Rodburry, ein hoch dekorierter Held aus dem ersten Golfkrieg der US-Armee. „Watson, endlich!“ General Leonard D. Watson war kein Mann großer Worte. Er grüßte knapp mit einer flüchtigen Handbewegung und trat zwei Schritte nach vorne. Seine Miene verfinsterte sich. „Was zum Teufel ist bei Ihnen los, Dwight? Wir haben die Zerstörung der Schutzanlagen um die Basis herum vom Helikopter aus gesehen … das soll ein gewöhnlicher Sandsturm gewesen sein?“ 

Er stellte seine Begleiter vor. „Meinen Adjutanten Major Riley kennen Sie ja. Dies ist Sergeant Major Harrison vom Stab und mein wissenschaftlicher Berater Dr. Steadman.“ Rodburry kannte Watson seit über einem Jahrzehnt und war mit dessen unfreundlicher, direkter Art vertraut. Dennoch wunderte er sich erneut über die Kälte, die dieser Mann auszustrahlen schien. „Ich habe einen Bericht über den Verlauf der letzten dreißig Stunden verfasst. Bitte folgen Sie mir in den Besprechungsraum.“ Sie gingen einen Flur entlang und blickten abwechselnd in Büroräume, in denen scheinbar eifrig gearbeitet wurde. Nach einigen Metern bogen sie rechts ab und betraten durch eine geöffnete Glastür einen etwa sechzig Quadratmeter großen, hell erleuchteten Konferenzraum. An einem langen Tisch mit zwanzig Stühlen saßen bereits zwei Männer, die Rodburry kurz vorstellte. „Meine Herren, dies ist Professor Isaak Goldmann, der wissenschaftliche Leiter, und sein Assistent Dr. Carr.“ General Watson verschwendete keinen Blick an die Wissenschaftler und nahm am Ende des Tisches Platz. Diese Geste allein genügte, um bei den Anwesenden ein Gefühl der Ehrfurcht auszulösen. Niemand in diesem Raum würde es wagen, ihm zu widersprechen. Erst recht nicht nach dem, was geschehen war. „Fangen Sie an.“ Watson war extrem angespannt, ließ sich jedoch nichts anmerken. General Rodburry setzte sich ebenfalls. Er nahm die vor ihm liegende Fernbedienung und betätigte einige Tasten. An der Wand öffnete sich eine Jalousie, und ein überdimensionaler Bildschirm wurde sichtbar. „Dies ist die einzige Aufzeichnung, die nicht gelöscht wurde … alle anderen digitalen sowie die Bandaufzeichnungsgeräte zeigen absolut nichts. Wir haben noch keine Kenntnis über den genauen Grund, vermuten jedoch eine elektromagnetische Entladung …“ „Wollen Sie sagen, dass nichts von dem eigentlichen Geschehen dokumentiert wurde?“ fiel Watson ihm ins Wort. „Nun … wir haben dieses Band von einer Sicherheitskamera im Labor … mehr nicht“, begann Rodburry zögernd. „Vielleicht sollte Professor Goldmann erläutern, was wir wissen.“ Watson blickte den Wissenschaftler an und zog kurz die Augenbrauen hoch. „Gut. Fangen Sie an, Mann, und erklären Sie mir, wo Ihr sechshundertfünfzig Millionen Dollar teures Forschungsobjekt abgeblieben ist.“ Goldmann wirkte ratlos, als er begann. „Wir … wir haben die entscheidenden Sequenzen zusammengeschnitten. Das Bild ist so schlecht, weil es lediglich eine Sicherheitskamera ist, die auf Bewegungsimpulse reagiert. Die Bilder, die wir hier sehen, sind ausschließlich für die Wachmannschaft gedacht, um unbefugtes Betreten zu melden. Sie sehen links den Eingang zu Labor eins und etwa in der Mitte des Bildes das Wachstumsbecken.“ Das gesamte Bild war von einem Grünschleier bedeckt. Farben waren nicht zu erkennen. Die Tür auf der linken Seite war nur schemenhaft wahrnehmbar. Der Behälter, von dem Goldmann sprach, glich einem großen Aquarium, das etwa auf eineinhalb Meter Höhe auf einem Podest stand, einen Meter breit, zweieinhalb Meter lang und einen Meter hoch war. In dem Becken war die Silhouette eines Körpers zu erkennen, in den mehrere Schläuche einzudringen schienen. Genaueres war nicht auszumachen. „Können Sie diesen grünen Schleier nicht technisch herausfiltern?“ Watson sprach ruhig, doch seine Kälte ließ den Raum merklich abkühlen. „Es wird daran gearbeitet, die Aufnahmen zu digitalisieren“, meldete sich Dr. Carr zum ersten Mal. Goldmann fuhr fort. „Sie sehen die Uhrzeit eingeblendet. Gestern, 09:04 Uhr. Etwa zu dieser Zeit begann draußen der Sturm. Das Objekt wies zu diesem Zeitpunkt bereits seit über drei Stunden eine Zunahme des Wachstums von drei Prozent pro Stunde auf, ohne dass wir das erklären konnten. Weder die Gabe von Nährstoffen noch der Sauerstoff wurden verändert. Nach unseren Berechnungen ist das unmöglich.“ Rodburry reichte ihm die Fernbedienung. „Die nächste Einstellung ist von 10:23 Uhr. Unser Computer zeigte zu diesem Zeitpunkt ein Körpergewicht von sechsunddreißig Kilogramm und eine Körpergröße von einem Meter fünfzig. Zur Erinnerung, Gentlemen … der Start des Versuchs liegt gerade einhundertsechsundachtzig Tage zurück.“ „Weiter!“ General Watson schien unruhig zu werden. Der Professor nickte. „Im nächsten Abschnitt sehen Sie Dr. Carr. Hier liest er die Daten direkt am Behälter ab. Wir vergleichen stündlich die Computerdaten mit den manuell erfassten Werten. In der nächsten Sequenz sehen Sie es nun. Bitte passen Sie genau auf. 10:56 Uhr. Draußen tobt der Sandsturm. Achtung … jetzt.“ Ein kurzer greller Blitz zuckte über dem Behälter. Dann war nur noch Dunkelheit zu sehen. „Was passiert da?“ Watson stand auf und trat näher an den schwarzen Bildschirm. „Der Strom ist für einige Sekunden komplett ausgefallen. Genau vier Komma acht Sekunden. Und nun achten Sie bitte auf die folgende Szene“, sagte Rodburry ruhig. Goldmann drückte erneut eine Taste. „Sehen Sie genau hin.“ Das Bild kehrte zurück. Dasselbe Labor, derselbe Raum – mit einem gravierenden Unterschied. Die Abdeckung des Behälters war verschoben, und die Silhouette des Körpers war verschwunden. General Watson blickte ins Leere, als fixiere er einen Punkt jenseits des Raumes. „Erklären Sie mir das, meine Herren.“ Rodburry ergriff das Wort. „Wir haben keine logische Erklärung, Leonard. Wir haben in den vergangenen vierundzwanzig Stunden alles Erdenkliche untersucht und immer wieder durchgespielt. Es gibt keine Erklärung. Zumindest keine logische.“ Watson sah ihn mit strenger Miene an. „Sie sagen, der Strom war nur knappe fünf Sekunden unterbrochen … selbst wenn jemand hier eingedrungen sein sollte, würde diese Zeit bei Weitem nicht reichen, um den Körper aus dem Behälter zu nehmen, ihn von allen Schläuchen zu befreien und durch die einzige Tür des Labors unbemerkt zu verschwinden. Kann irgendeine chemische Reaktion stattgefunden haben, sodass sich das Objekt aufgelöst hat?“ „Völlig ausgeschlossen“, antwortete Goldmann sofort. „Die Daten der Flüssigkeit haben sich nicht verändert.“ Rodburry räusperte sich. „Aber etwas anderes fiel uns auf, als wir das Labor betraten …“ Watson blickte ihn scharf an. Professor Goldmann antwortete: „Ich ging als Erster hinein, Dr. Carr folgte mir … ob Sie es nun glauben oder nicht, General. Vor dem Behälter sahen wir …“ Er schluckte. „Was?“ fuhr Watson ihn an. „Was zum Teufel sahen Sie?“ Goldmann blickte zu Boden. „Wir sahen die Abdrücke nackter Füße. Spuren der Flüssigkeit aus dem Behälter. Sie führten direkt auf die gegenüberliegende Wand zu … und endeten dort. Der Teufel, General – der Teufel hat hiermit eher nichts zu tun.“ Im Raum breitete sich eine unheimliche Stille aus.

 

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